Ein Jäger stand auf dem Greinapass plötzlich einem Fuchs gegenüber, der an einen Pfahl angebunden war.* Er schoss, aber traf nur den Strick, und das Tier war verschwunden. Im folgen¬den Herbst ging er mit einer Herde Marktvieh über die Greina nach Lugano. Er trieb die Herde von Markt zu Markt das Tessin hinab, um sein Vieh zu verkaufen. So langte er eines Abends in Lugano an, wo er Weide und Unterkunft für die noch unverkauften Tiere suchen musste. Da hörte er plötzlich eine Frau seinen Namen rufen. Sie hiess ihn willkommen, bewirtete ihn herzlich und liess ihn das Vieh in ihren Baumgarten treiben.
Als er anderntags aufbrach und sich bedanken wollte, sagte sie ihm: «Ich war der Fuchs, der auf dem Greinapass angebunden war. Der Teufel hatte mich dort zur Strafe festgeseilt. Ich war es leid gewesen, als Hexe zu leben und wollte ein besseres Leben beginnen. Lange Tage und Nächte musste ich ausharren, bis Du mich befreitest. Doch so schlimm die Gefangenschaft war, sie hatte auch ihr Gutes. Ich hatte ausgiebig Zeit, die Landschaft in all ihrer Pracht zu sehen.»
Zum Dank schenkte die Frau allen Wanderinnen auf der Greina ein grosses, bequemes Kissen, damit sie sich ausruhen und von der wundervollen Umgebung verzaubern lassen können. Bis in alle Ewigkeit.
* Frei nach einer Sage aus „Verzauberte Täler – Mythologie im alten Räthien“ und in den Sprachen Deutsch, Italienisch, Französisch und Romanisch festgehalten.